In den letzten Jahren kam immer wieder die Diskussion auf, dass Autor*innen in der Science Fiction über Jahrzehnte unsichtbar gemacht worden sind - was auch stimmt. Judith Vogt stellt und in 20 Beiträgen tolle und aufregende Science-Fiction-Autor*innen vor. Das hier ist die Übersichtsseite zu den Artikeln. Einige der Autor*innen identifizieren sich inzwischen als nonbinär.
Reihe: Science Fiction von Frauen - Übersichtsseite

„Ich denke, wir sehen im Moment, dass es unvermeidlich war, dass der Großteil der Welt Geschichten fordert, die den Großteil der Welt repräsentieren. Der Großteil der Welt ist die Zwänge des Kolonialismus und dessen Einzelperspektive leid. Wir stecken hier in einer Art kultureller Apartheid, bei der eine kleine Minderheit den öffentlichen Diskurs bestimmt, alles bestimmt, sogar die Art und Weise zu denken und sich etwas auszumalen. Aber Apartheid war instabil. Sie dauerte nicht lange, denn so etwas lässt sich nicht lange aufrechterhalten. Ich denke, an diesem Punkt sind wir gerade. Ich denke, deshalb gibt es diesen Backlash. Das ist der verzweifelte Versuch des herrschenden Regimes, so lange wie möglich an der Macht zu bleiben, statt in Würde zurückzutreten, wie es das vermutlich hätte tun sollen.“
N. K. Jemisin in einem Interview mit der GQ.
"Obwohl die Wayfarer-Romane keine »Hard Science Fiction« sind, schildert Chambers Technologien und physikalische Gesetzmäßigkeiten so real wie möglich. Auch ihr KI-Ansatz und die Fragen zur Bewusstwerdung derselben sind spannend. Menschen sind in ihrem Universum nicht »der Standard« – sie nimmt für ihre Geschichten an, dass Menschen das »Andere« sind und Aliens und KIs über die bewohnten Gebiete bereits länger den Überblick haben und darin interagieren."
Teil 3: James Tiptree Jr. alias Alice Sheldon
"Der Name James Tiptree Jr. lässt erst einmal nicht vermuten, dass es sich um eine Autorin handelt. Aber die Psychologin, Geheimdienstmitarbeiterin und Hühnerzüchterin Alice B. Sheldon schrieb ihre Kurzgeschichten, Novellen und zwei Romane unter einem männlichen Pseudonym, dessen Nachname ihr auf einem englischen Marmeladenglas ins Auge fiel. Aus dem Nichts, nur schriftlich unter einer Postfachadresse zu erreichen, trat James Tiptree Jr. im Jahr 1968 mit der Geschichte „Birth of a Salesman“ an die Öffentlichkeit und schrieb sich in den folgenden zehn Jahren zu Weltruhm."
Auch Catherynne Valente ist eines der Wunderkinder, das bereits jeden großen Award des englischsprachigen Raums abgeräumt haben oder dafür nominiert waren: Valente konnte u.a. den Lambda Award für LGBT Science Fiction und Fantasy und den James-Tiptree-Award mit nach Hause nehmen (über Tiptree sprachen wir bereits ...) und steht auch in diesem Jahr wieder auf der Shortlist des Hugo-Awards.
"Leckie betrat die SF-Bühne 2013 mit ihrem Debütroman „Die Maschinen“ (Ancillary Justice) – da war sie schon Ende vierzig und heimste prompt den Hugo-Award und so ziemlich jeden anderen namhaften Genre-Preis für den besten Roman ein. Und mit den beiden Folgebänden wurde klar: Ann Leckie war gekommen, um zu bleiben, nicht nur in der SF, sondern, mit ihrem in diesem Jahr erscheinenden Roman „The Raven Tower“ auch in der Fantasy."
"Annalee Newitz ist kein unbeschriebenes Blatt, aber eine Newcomer*in im Bereich der Science-Fiction. Als Journalist*in. 2008 hat they die Science-meets-Science-Fiction-Seite io9 gegründet hat und für Gizmodo und Ars Technica arbeitet, schreibt they bereits seit Jahren wissenschaftliche Essays und Sachbücher, von denen „Scatter, Adapt and Remember: How Humans Will Survive a Mass Extinction“ für den LA Times Book Prize nominiert war."
"Nnedi Okorafor, 1974 in Ohia geboren, ist das Kind nigerianischer Eltern, die als Angehörige der Igbo vor dem Biafra-Konflikt geflohen waren. Sie glaubte lange nicht, dass Science Fiction im amerikanisch geprägten Sinne ihr Genre ist. Es schien ihr zu weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit, von ihren Geschichten, den Geschichten der Afroamerikaner*innen der afrikanischen Diaspora, aber auch der Geschichten, die sie bei ihren Aufenthalten in Nigeria erfuhr. Phantastische und spekulative Elemente waren stets ein Teil davon, selbst wenn sie biografisch schrieb, und doch wollte sie sich nur ungern dem amero- und eurozentristischen Genre unterordnen."
"Margaret Atwood, die „Der Report der Magd“ bereits 1986 veröffentlichte, nannte dieses prägende Werk 'speculative fiction', weil die Geschehnisse darin tatsächlich geschehen könnten. Sie sagt dazu: 'Die Science Fiction hat Monster und Raumschiffe; speculative fiction könnte hingegen tatsächlich passieren.' Auch zu ihrer Post-Apokalypse 'Oryx und Crake' äußerte sie sich folgendermaßen: 'Es ist Fakt in der Fiktion. In der Science Fiction gibt es Raketen und Chemikalien.'"
"Joanna Russ befand sich stets in einem ambivalenten Verhältnis zum Genre: Als Professorin für Anglistik hielt sie stets an der Science-Fiction fest, obwohl sie wenig davon als literarische Kunst anerkannte. Ihre vierzehn Jahre als Rezensentin für das Magazine of Fantasy and Science Fiction geben nicht nur einen Einblick darin, wie Russ Rezensionen schrieb, sondern auch, was sie selbst von der von ihr kritisierten und literarisch schlechten Science-Fiction lernte. Und als Feministin, die wusste, dass sie Männer und ihre SF-Geschichten kennen musste, um dagegen anzuschreiben, fuhr Russ wie ein ellbogenbewehrter Orkan durchs Genre."
"Die in Pakistan geborene Autorin wird häufig darauf reduziert, ihr Buch Die Geschichte der Schweigenden Frauen behandle das Thema Misogynie in einer muslimisch geprägten Dystopie. Diese Art der Rezeption verhindert jedoch, dass wir Shahs Stimme so wahrnehmen, wie sie es verdient: als feministische, bikulturelle Perspektive, die eine Geschichte über Fremdbestimmung erzählt, von der wir uns in Mitteleuropa alles andere als freisprechen können."
"Hao, 1984 geboren, erhielt bereits 2002 ihren ersten Literaturpreis und einen Platz an der Chinesisch-Fakultät der Peking-Universität. Sie jedoch wollte Physik studieren und schloss noch einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an. Sie hat in China zwei Romane und zwei Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht, arbeitete bereits als stellvertretende Direktorin beim Thinktank China Development Research Foundation, beschäftigte sich dort mit der Entwicklung der neuen Metropole Jing Jin-Jin, die rings um Peking entstehen soll, gründete 2017 das Tong Xing College als nachhaltiges, kreatives Bildungskonzept für Kinder und wurde 2018 Gastdozentin an der Harvard Kennedy School."
Octavia E. Butler starb vor 13 Jahren im Alter von nur 59 Jahren. Sie war die erste Schwarze Science-Fiction-Autorin, die einen Hugo-Award erhielt (für ihre Kurzgeschichte „Speech Sounds“). Einige ihrer Romane finden gerade ihren Weg in die Serien- und Filmlandschaft und haben Autorinnen wie Nnedi Okorafor oder N.K. Jemisin inspiriert.
"Charlie Jane Anders, geboren in Connecticut und aufgewachsen in Mansfield, studierte in Cambridge, lebte unter anderem eine Weile in Hong Kong und ist nun Wahl-Kalifornierin in San Francisco. Seit 2000 ist sie mit Annalee Newitz zusammen. Zusammen gaben sie von 2002 bis 2007 das 'other magazine' als 'Magazin der Popkultur und Politik für die neuen Parias' ('magazine of pop culture and politics for the new outcasts') heraus. Unter den Begriff der 'neuen Parias' fasst das queere Paar auch Kämpfer*innen rund um LGBT+-Rechte. Anders selbst ist trans Frau und engagierte sich zum Beispiel gegen die diskriminierenden Statuten der Vereinigung für bisexuelle Frauen in San Francisco, den Chasing Amy Social Club, der trans Frauen nur nach geschlechtsangleichender Operation aufnahm. Sie selbst sagt, sie habe auf die harte Tour lernen müssen, dass sie Aktivismus durch ihre Geschichten selbst besser verkraftet als direkten Aktivismus. Und somit ist sie vor allen Dingen in dem, was sie erzählt, mit wem sie erzählt und wo sie erzählt, entschieden politisch."
"Kate Wilhelm wurde 1928 in Ohio geboren und starb 2018 im Alter von 89 Jahren. Ihr wohl bekanntester Roman ist 'Hier sangen früher Vögel', für den sie einen Hugo und einen Locus-Award sowie eine Nebula- und Jupiter-Nominierung erhielt. Ihre Kurzgeschichten, Novellen und Romane wurden immer wieder für die größten Genre-Preise nominiert, und Wilhelm wurde 2003 in die Science-Fiction Hall of Fame aufgenommen. In der zweiten Hälfte ihrer Karriere wandte sie sich vor allem dem Krimi zu, und insgesamt verfasste sie um die fünfzig Science-Fiction- und dreißig Krimi-Werke (Romane, Kurzgeschichtensammlungen und Sachbücher)."
"Dabei schreibt McCaffrey unprätentiös und nach vielen Ausflügen in Biologie und Biotech in früheren Bänden mit zunehmend fantasy-esker Vorliebe für Heldenmut und Abenteuer, was ihr vor allen Dingen eine junge Leser*innenschaft verschaffte. Manche Drachenreiter-Romane richteten sich zudem direkter an Jugendliche als andere, auch wenn McCaffrey stets sagte, dass Drachen einfach jede*n interessieren. Als Fantasyautorin ließ sie sich jedoch nicht gern bezeichnen – sie sagte von sich selbst, dass sie es genoss, Leute zurechtzuweisen, die es doch versuchten."
"Obwohl Jeannette Ng* sehr aktiv ist auf Twitter und zum Schreiben, zur Phantastik und zu Debatten rund um Repräsentation ebenso tweetet wie zu Pen&Paper- und Live-Rollenspiel, hält sie sich bedeckt, was ihr Privatleben angeht. Sie wurde in Hongkong geboren, studierte in Durham bis zum MA Medieval und Renaissance Studies. Sie besitzt einen Hund, von dem sie mir ein Foto geschickt hat, das ich netterweise mit euch teilen darf, und hat bis 2012 auf der Website 'Costume Mercenary' Steampunk-Kostüme verkauft, weshalb es (Zitat) 'immer noch eine Menge Fotos von mir in verrückten Kostümen gibt, vor allen Dingen, wenn man nach den Begriffen ‚asian steampunk‘ sucht'."
"Die Initialen C. J. stehen für Carolyn Janice, und um es gleich vorwegzunehmen: Die 1942 geborene Cherry beschloss Ende der Siebziger, nur mit ihren Initialen zu veröffentlichen, um in der männlich dominierten Science-Fiction-Szene den Frauennamen zu verhehlen. Ihrem Nachnamen fügte sie ein -h hinzu, denn ihr erster Lektor fand, 'Cherry' höre sich zu sehr nach dem Romantikgenre an. Ich kommentiere das nicht. Lest mein Augenrollen zwischen den Zeilen."
"Aliette de Bodard ist eine der wenigen französischen Science-Fiction- und Fantasy-Autor*innen, die international richtig abräumen. Das liegt auch daran, dass die 1982 in den USA geborene Franko-Vietnamesin auf Englisch schreibt. Das allein ist natürlich kein Garant für internationalen Erfolg, de Bodard ist außerdem eine hervorragende Schriftstellerin, die vietnamesische Kultur, aber auch andere, bislang selten besuchte Erzählkosmen in ihren Romanen und Kurzgeschichten zum Leben erweckt."
"Lois Joy McMaster Bujold, die 1949 in Ohio geboren wurde, interessierte sich als Tochter eines Science-Fiction-begeisterten Vaters, der Professor für Ingenieurswissenschaften war, schon früh fürs Genre. Als Mädchen tauchte sie in den Sechzigern ins „Goldene Zeitalter“ der Science-Fiction ab, ohne zunächst überhaupt zu bemerken, dass SF als 'Jungsding' wahrgenommen wurde. Als Teenager abonnierte sie das 'Analog Magazine' und las 'Dune' schon in der ersten Variante als Fortsetzungsroman – sie schrieb auch bereits selbst, hörte aber laut eigener Aussage aus 'mehreren Gründen' damit auf. Im Fandom lernte sie ihren Mann John Fredric Bujold kennen, mit dem sie zwei Kinder hat und von dem sie mittlerweile geschieden ist. In den Siebzigern verließ sie jedoch die Begeisterung für Science-Fiction: Der 'New Wave' konnte sie wenig abgewinnen. Ein Jahrzehnt lang las sie alles außer Science-Fiction. 'Indirekt', so McMaster Bujold, 'hat mir das vielleicht geholfen, die Grenzen des SF-Genres weiter genug auszudehnen, dass auch meine eigentümlichen Geschichten bequem hineinpassten, als ich zum Genre zurückkehrte.'"
Rebecca Roanhorse wurde 1971 als Rebecca Parish in Arkansas geboren und wuchs in Texas in einer weißen Adoptivfamilie auf. Sie selbst ist Schwarz und Native American und zog sich schon als Kind in einer vornehmlich weißen Umgebung in andere Welten zurück – besonders die Science-Fiction hatte es ihr als Lieblingseskapismus angetan. Mit einem Vater, der an der Universität unterrichtete, und einer Mutter, die Lehrerin an einer High School war, wurde sie außerdem früh dazu animiert, selbst zu schreiben. Lange Zeit, so rekapituliert Roanhorse, habe sie jedoch „Tolkien-Klone“ über weiße Bauernjungen geschrieben, weil sie glaubte, dass in der Fantasy wenig Platz für andere Perspektiven sei.
Judith Vogt
Judith Vogt, aufgewachsen in einem Hundert-Seelen-Dorf in der Nordeifel und gelernte Buchhändlerin, steht seit 2010 als Schriftstellerin am anderen Ende der Buchnahrungskette. Sie lebt in Aachen und schreibt Romane, Rollenspiele, journalistische Artikel und Übersetzungen in ihrem Lieblingsgenre Phantastik und SF.