Mehr Phantastik

Rape Culture in der Phantastik

Einfach nur ein Bild ganz in schwarz.

Lena Richter und Judith Vogt, 03.04.2025

Vergewaltigungskultur – ein Wort, das viele erst mal irritiert, vor allem, wenn es nicht auf düstere Phantastikwelten, sondern auf unsere eigene Gesellschaft angewendet wird. Was ist das und welche Ausprägungen kann es von grimdarken bis zu romantastischen Fantasywelten annehmen?

Eines der prominenten jüngeren Beispiele zum Thema Rape Culture aus der deutschen Literaturszene ist wohl die Diskussion rund um Autor und Journalist Thilo Mischke, der das Kulturformat titel, thesen, temperamente übernehmen sollte, bis sich Ende 2024/Anfang 2025 breiter Protest von feministischen Autor*innen und Journalist*innen regte. Zum einen entzündete sich dieser Protest an Mischkes Buch In 80 Frauen um die Welt, in dem Mischke aufgrund einer Wette versucht, achtzig weltweite Frauen flachzulegen. Zum anderen jedoch, und das war für viele der Unterzeichner*innen des Offenen Briefes gegen Mischkes Besetzung ausschlaggebend, gab es erschreckend viele O-Töne in Podcastfolgen und Artikeln, in denen Mischke anhand haarsträubender gefühlter Wahrheiten zu belegen versucht, dass Männer geborene Vergewaltiger seien. Den Unterzeichner*innen des Offenen Briefs wurde selbstverständlich nicht nur Cancel Culture vorgeworfen, sondern auch, dass Mischke fälschlich der Vergewaltigung oder der Verherrlichung von Vergewaltigung bezichtigt werde. Was er genau gesagt hat, könnt ihr in diesem Artikel auf spektrum.de nachlesen, aber wir beschränken uns hier auf das zum Thema Rape Culture wichtigste Zitat:

„Ich glaube, das unterstützt so’n bisschen meine These, dieses, dass es etwas Urmännliches ist, im Prinzip, meine Sexualität, also nicht meine, Thilos, sondern die männliche Sexualität basiert vielleicht auf Vergewaltigung.“

Die im vollständigen Zitat so dahergesagte gefühlte Wahrheit nimmt Frauen nicht als Menschen wahr, sondern als davon abgesondertes Objekt, über das „Urmenschen“ und Homo sapiens unterschiedlich verfügen und das in einem obskuren „Früher“ nicht nur regelmäßig vergewaltigt, sondern laut Mischke zu Tode vergewaltigt wurde. Das ist ein nicht eben subtiles Beispiel für Rape Culture: Vergewaltigung liegt eben in der Natur des Mannes. Biologie-Mythen wie dieser dienen zur Rechtfertigung sexualisierter Gewalt, vergleichbar mit der omnipräsenten Frage „Was hatte sie an?“, die die Schuld bei den Opfern sucht, die den meist männlichen Tätern mit ihrem Kleidungsstil keine andere Wahl lassen. Die Instinkte, was will man machen!

Rape Culture – ein Begriff, der in den 1970ern in den USA im Second Wave Feminism etabliert wurde – umfasst aber noch mehr Aspekte als nur solche Mythen vom männlichen Instinkt. Beispielsweise wurde im Rahmen dieses Konzepts überhaupt erst darüber gesprochen, dass Vergewaltigungen wesentlich häufiger ausgeübt werden als zuvor angenommen; dass sie nichts mit dem Verhalten, Aussehen, der Kleidung oder dem Alter der vergewaltigten Person zu tun haben und dass Täter*innen nicht automatisch psychische Erkrankungen haben oder sich generell nicht an Gesetze halten – eine Ansicht, die bis in die 1960er noch vorherrschte. Auch das generelle Sexualisieren von Frauen und weiblich gelesenen Personen, das Victim Blaming (also dem Opfer die Schuld geben – weil es einen kurzen Rock trug, weil es betrunken war, weil es Küssen okay fand, aber dann nicht mehr wollte …) und Slut Shaming (Verurteilen von Frauen, die viel und/oder gern Sex haben) sind Teile der Rape Culture. Und nicht zuletzt: Das Normalisieren und Kleinreden von sexualisierter Gewalt als etwas, das „Frauen nun mal passiert“, stellt ein patriarchales Drohwerkzeug in einer immer noch männerdominierten Welt dar. Beispielsweise erhalten weibliche und weiblich gelesene Journalist*innen, Aktivist*innen und Prominente sehr oft Vergewaltigungsdrohungen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit für Feminismus, queere und reproduktive Rechte oder andere Themen einsetzen, wenn sie sichtbar sind – ein Aspekt von Bedrohung, der cis hetero Männer so gut wie nie trifft.

Ein weiterer Aspekt vom Schreiben und Reden über Rape Culture ist die Dimension der Geschlechterrollen. Wir sind uns bewusst, dass auch Männer Opfer von sexualisierter Gewalt werden, dass es auch in queeren Beziehungen und queeren Kreisen sexualisierte Gewalt gibt. Dass Männer und Männlichkeit im Kontext von Vergewaltigung sehr oft, wenn auch nicht immer, meint: cis hetero Männer. Dass es unvollständig ist, von Frauen als Betroffenen zu sprechen, weil auch nicht-binäre, intersex, agender und genderfluide Personen häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt werden. Dass neben dem Geschlecht auch Faktoren wie Race, soziale Stellung, Be_hinderung etc. eine Rolle spielen. Gleichzeitig sind Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt extrem gesschlechtsspezifisch und entspringen letztendlich genau dem cis-heteronormativen, patriarchalen Anspruchsdenken, das die Welt in Männer und Frauen unterteilt und die einen als Herrscher über die anderen ansieht. Solange diese Einteilung besteht und solange überwiegend Frauen von überwiegend Männern vergewaltigt werden, muss dies so benannt werden. Wir bemühen uns in diesem Text, möglichst an vielen Stellen nicht nur von Frauen und Männern zu sprechen, tun dies aber gelegentlich, wenn die Tropes und Klischees, die wir ansprechen, eben genau auf dieser Einteilung beruhen.

Nach dieser kurzen Einführung zum Thema schauen wir uns nun an, wie sich Rape Culture auch in phantastische Welten und Geschichten einschleichen kann.

Sexualisierte Gewalt im Fantasy-Worldbuilding

Fantasyleser*innen sind der Naturalisierung von sexueller Gewalt vor allem im Grimdark-Subgenre der 1990er und frühen 2000er begegnet: Je düsterer das Setting, desto skrupelloser die männliche Gewalt, desto omnipräsenter die permanente, ja, natürlich scheinende Bedrohung von Frauen durch Vergewaltigung. Es bleibt nicht bei der Androhung: Viele Romane verschiedenster Genres warteten mit teils schrecklich detaillierten oder sogar voyeuristischen Vergewaltigungen auf, um zu demonstrieren, wie düster die Welt, die Vergangenheit oder der Schurke ist – die Literatur, mit der viele von uns aufgewachsen sind, die wir als Teenager gelesen und die Teil der Findungsphase unserer eigenen Sexualität war. Als Lesende und auch als Schreibende von dem Gedanken Abstand zu nehmen, dass weibliche Figuren und sexualisierte Gewalt intrinsisch verknüpft sind, war und ist Arbeit. 

Doch Dinge sind auch besser geworden: Die sexualisierte Gewalt als Weltenbau- und/oder Plotelement findet sich seit einigen Jahren immer seltener in phantastischen Werken. Weibliche, trans und nichtbinäre Figuren haben nicht mehr notwendigerweise eine Missbrauchsgeschichte im Hintergrund, eine Vergewaltigung dient nicht mehr so häufig als Anlass für den Rachefeldzug einer Frau oder gleich eines Mannes, der seine (vielleicht sogar getötete) Frau rächt. Wenn solche Themen doch vorkommen, werden sie inzwischen öfter entweder nicht mehr detailliert und voyeuristisch geschildert, sondern nur erwähnt. Manchmal nehmen sie auch den Blickwinkel derjenigen ein, denen die Gewalt angetan wird, um den Male Gaze zu vermeiden, oder solche Szenen werden genutzt, um darzustellen, wer das Problem ist, nämlich diejenigen, die sexualisierte Gewalt ausüben.

Doch ein maßgeblicher Faktor von Rape Culture ist Kontrolle und Besitzdenken, und das ist keinesfalls verschwunden – es hat sich vielleicht nur gewandelt. 

Ein Subgenre, das die Fantasy gerade verkaufszahlenstark dominiert, ist die Romantasy, also die Verquickung von Romance und Fantasy. In diesen überwiegend von heterosexuellen Lovestorys geprägten Romanen werden die Rollen- und Körperbilder von Frauen und Männern seltenst feministisch dekonstruiert. Körperliche Unterschiede werden stark überzeichnet, Frauen reichen ihren männlichen Liebhabern höchstens bis zu den Nippeln und denken mit romantischer Verzückung darüber nach, dass diese sie mit bloßen Händen und blanker männlich-überlegener Körperkraft töten könnten. Eroberungsmythen, bei denen „Nein“ eigentlich „Ja“ heißt, Übergriffigkeit und hartnäckiges Verfolgen belohnt werden und ein Rachefeldzug auf jedes durch die Zähne hervorgestoßene „Hast du meine Freundin angefasst?“ folgt, werden nicht selten romantisiert und als Zeichen von wahrer Liebe™ interpretiert. 

Fiktionalisierung vs. Normalisierung

Nun ist bei aller Kritik an voyeuristischen Vergewaltigungsszenen nicht von der Hand zu weisen, dass sexualisierte Gewalt und Nötigung sowie sexuelle Belästigung, vom Catcalling über heimliches Filmen und Fotografieren bis hin zu tätlichen Übergriffen, traurige und alltägliche Realität von Frauen und weiblich gelesenen Personen ist. Es ist sicher auch keine Lösung, diese Tatsache einfach auszublenden. Dennoch neigen gerade die Fantasy und ihre düsteren Untergenres dazu, sexualisierte Gewalt zu nutzen, um die Grausamkeit der Welt darzustellen. In der Folge „Science-Fiction is a normalization machine“ des englischsprachigen Phantastik-Podcasts Our Opinions Are Correct plädiert Autor*in Annalee Newitz daher dafür, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass jede Welt, die sexualisierte Gewalt als eine Art unvermeidliche Naturgewalt darstellt, dazu beiträgt, dass wir dies auch für unsere eigene Gesellschaft als normal empfinden – während, da sind wir uns hoffentlich einig, die erstrebenswerte Zahl an sexuellen Übergriffen null lautet. Es ist also wünschenswert, dass wir uns als Autor*innen sehr gut überlegen, ob und in welcher Weise wir sexuelle Übergriffe in unsere Geschichten einbauen und wie wir sie schildern.

Ein Vergewaltigungsmythos, der auch in der Realität immer wieder den Ausgang von Gerichtsverfahren beeinflusst, ist z. B., dass es ein typisches Verhalten von Betroffenen gäbe. Zementiert durch Jahrzehnte von Medien, wird oft dargestellt, dass eine vergewaltigte Person danach z. B. nur noch verhüllende Kleidung trägt, dass sie Orte meidet, die mit der Tat zu tun haben, dass sie keinen Sex mehr haben möchte oder kann und selbst Berührungen kaum erträgt. Das trifft auf einen Teil der Betroffenen auch zu – aber eben nicht auf alle. Dass manche Menschen nach einer Vergewaltigung nichts davon tun oder empfinden, macht aber die sexualisierte Gewalt nicht weniger echt und die betroffene Person nicht weniger glaubwürdig.

Auch die Erkenntnis, dass überhaupt sexualisierte Gewalt stattgefunden hat, ist oft nicht so, wie man es aus den klischeehaften Szenen in Fantasy-Romanen kennt, in denen der fiese Adlige über die Schankmaid herfällt. Denn da Vergewaltigungen oft von Partner*innen, Ex-Partner*innen, Freund*innen, im Rahmen von Dates oder Partys begangen werden, brauchen Betroffene teilweise Tage, Wochen, manchmal auch Jahre bis zur Erkenntnis, dass ihre Grenzen überschritten wurden, dass sie nicht einverstanden waren, keinen Konsens gegeben haben oder geben konnten. Dies gilt umso mehr, weil sexualisierte Gewalt auch geschieht, wenn jemand im Rahmen von einvernehmlichen Sex Dinge tut, die nicht vereinbart waren oder für die in dem Moment kein Konsens gegeben wird. Gerade in solchen Fällen wird manchmal erst im Nachhinein klar, dass ein Übergriff stattgefunden hat.

Beide Aspekte, sowohl das Verhalten und die Gefühle der Betroffenen als auch die schwierige Abgrenzung, sind Themen, die in der Phantastik bisher sehr selten thematisiert werden. Aber rollen wir das Ganze doch mal positiv auf: 

Wovon wir gern mehr lesen (und schreiben) würden

Ein Stützpfeiler von Vergewaltigungskultur ist die Annahme, dass Sex etwas ist, das Frauen nicht von sich aus wollen – dass sie der passive Part sind, der so lange „Nein“ sagt, bis es dann halt doch irgendwie ganz schön ist und aus dem Nein ein Ja wird (oder auch nicht). Sexuell aktive Frauen sind in der Phantastik häufiger geworden, oft braucht es aber immer noch die männliche Initiative und eine Phase der Weigerung (analog zur Heldenreise!), bis ihre Sexualität erwacht. Wir wollen mehr weibliche Figuren, die für ihr sexuelles Erwachen keinen Mann brauchen, der ihnen zeigt, wo die Knöpfchen sind, sondern die sich mit einem selbstbewussten Gefühl für ihren Körper und ihr eigenes Vergnügen in amouröse Abenteuer stürzen. Dazu gehört ebenso das Bewusstsein, dass Sex nicht nur „Penis in Vagina“ bedeutet, und natürlich das Berücksichtigen und Mitdenken von Sex zwischen allen Geschlechtern.

Wir wünschen uns auch einen anderen Umgang mit dem kulturellen Mythos „weibliche Jungfräulichkeit“ – Bücher, in denen es okay ist, mit Leuten geschlafen zu haben, die nicht die einzig wahre Liebe waren. In denen sich Protagonist*innen nicht beschmutzt und unglücklich fühlen, weil sie Liebesbeziehungen, Flirts oder One-Night-Stands hatten, sondern in denen sexuelle Erfahrungen – mit anderen und sich selbst – etwas Gutes und Positives sind. 

Aber unsere Wünsche betreffen nicht nur die Darstellung von Sexszenen. Wir möchten auch auf eine Weise über sexualisierte Gewalt lesen und schreiben, die nicht erniedrigend und (re-)traumatisierend ist. Wir möchten von Hauptfiguren lesen, die selbst Opfer von sexualisierter Gewalt waren, aber trotzdem ein gutes Sexleben haben. Und zwar aus sich selbst heraus und nicht im Rahmen von “healing sex” – einem Trope, das aufgrund seiner Häufigkeit einen eigenen Namen hat. Gemeint ist damit, dass der Unwille oder die Unfähigkeit einer vergewaltigten Frau durch Sex mit einem anderen, anständigen Mann spontan und für immer „geheilt“ wird, sodass nicht einmal das Überwinden des eigenen Traumas ohne Penis vonstatten geht. 

Wir möchten auch in der Phantastik mehr von den wenig thematisierten Facetten sexualisierter Gewalt lesen und wie die Figuren damit umgehen, wenn beispielsweise ein*e Partner*in sich über Konsens bezüglich Verhütung oder Ähnliches hinwegsetzt und damit eine Linie überschreitet. Wir möchten auch Geschichten, die statistisch seltenere Fälle von sexualisierter Gewalt darstellen, etwa in queeren Beziehungen oder gegenüber Männern. Wir möchten Texte, in denen berücksichtigt wird, wie andere Marginalisierungen eine Rolle spielen.

Wir möchten Figuren lesen, deren Vergewaltigung kein Ehrverlust oder dunkles Geheimnis darstellt, sondern die Beistand und Verständnis erhalten. Wir möchten Geschichten, in den Opfern von sexualisierter Gewalt geglaubt wird, in denen sie Unterstützung erhalten. Wir wünschen uns Geschichten, in denen die Hauptfigur zur Therapie geht. 

Wir möchten Beschreibungen lesen, in denen passiert, was Gisèle Pelicot fordert: In denen die Scham die Seite wechselt und sexualisierte Gewalt nicht etwas ist, was einer Frau zustößt, sondern was ein Mann jemandem antut.

Bei einigen Plots, Figurenkonstellationen oder Buchgestaltungen wünschen wir uns vor allem einen bewussten Umgang und einen Blick für problematische Aspekte. Ziehen beispielsweise männlicher Held und weiblicher Sidekick zusammen auf ein Abenteuer aus, ist es nicht per se ein Problem, wenn die beiden irgendwann ein Paar werden. Allerdings gibt es gerade bei klassischer Heldenreise oft am Ende die Frau für den Helden als eine Art Belohnung, ob sie nun als Begleitung dabei war oder im heimischen Dorf auf ihn wartet. Das zementiert ein Anspruchsdenken, welches sich z. B. auch in Incel-Kreisen wiederfindet – „ich habe Job, Haus und Auto errungen und somit Anspruch auf eine romantisch-sexuelle Beziehung zu einer Frau“. Wir wünschen uns also, dass solche sich anbahnenden Beziehungen aus den Figuren heraus passieren und es nachvollziehbar ist, wieso die beiden sich verlieben. Ebenfalls hinterfragt werden sollte unserer Meinung nach das Klischee der Frau, die sich als Mann verkleiden muss, damit sie überhaupt auf Reisen oder Abenteuer gehen kann. Auch das ist einerseits ein Umstand, der in bestimmten Settings durchaus Sinn ergibt. Andererseits normalisiert es auch das Denken, dass sich Frauen und weiblich gelesene Personen außerhalb ihres heimischen Raums nicht bewegen können, ohne Opfer von (sexualisierter) Gewalt zu werden, weil sie sich nicht wehren können, körperlich unterlegen sind und Übergriffe allerorts lauern. Außerdem suggeriert es, dass die Gefahr für sexualisierte Gewalt vor allem „draußen“ besteht, während in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall ist und die meisten Taten im sozialen Nahraum begangen werden. Hier wäre es also gut, wenn der Weltenbau geprüft wird: Ist es für die Geschichte nötig, dass Frauen nicht zur Armee, nicht kämpfen, studieren, Handel treiben oder zur See fahren dürfen? Oder funktioniert die Welt genauso gut, wenn alle Geschlechter alle Berufe ausüben können?

Und zuletzt wünschen wir uns auch bei optischen Beschreibungen, Charakter-Portraits und Covern einen vielfältigen Ansatz, bei denen Frauen nicht vor allem unter dem Aspekt von Fuckability beschrieben oder gezeichnet werden, wo Körperformen, Geschlechtsausdruck, Hautfarben, Haarmoden in all ihrer Vielfalt vorkommen. Das gilt für alle Beschreibungen, aber besonders für Nackheit und Sexszenen – gebt uns alles, was die Realität auch hat und nicht ausschließlich Hochglanz-Erotik!

Umgekehrt betrifft das aber auch die Darstellung von Männern: Das auf Social Media häufig beschriebene Phänomen „men writing women“ funktioniert auch in die andere Richtung, und „women writing men“ tragen gerade in heterosexuellen Romantik-Kontexten genauso zur Aufrechterhaltung von Geschlechterstereotypen und einem Hierarchiegefälle durch Körperlichkeit bei. Wenn jedes männliche Love Interest als in jeder Hinsicht gewaltig beschrieben ist, ist Gewalt nicht nur Semantik.

Rape Culture ist keine Frauensache!

„Ich würde mir wünschen, dass Männer Verantwortung übernehmen, sich mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen und eine radikale Neugestaltung von Männlichkeit einleiten. Selbst Männer, die überzeugt davon sind, feministisch und progressiv zu sein, sind stark von patriarchalen Strukturen beeinflusst: Liebe und Empathie werden deutlich weniger belohnt als Macht, Dominanz und Kontrolle.“ Das sagt die Berliner Anwältin und Autorin Asha Hedayati in einem Interview zu ihrem Buch Die Stille Gewalt auf die Frage, was sie von Männern fordert. Klar ist, dass etwas so Alltägliches wie Vergewaltigungskultur nicht bekämpft werden kann, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht mitmacht. Wir haben es eben nicht mit dem boshaften adligen Schurken als Ausnahmeerscheinung zu tun, der denkt, über den Körper der Schankmaid verfügen zu können. Wenn sexualisierte Gewalt im sozialen Nahraum stattfindet, sind auch die Täter*innen oft nah an uns. Es sind Menschen, denen wir vertrauen, mit denen wir befreundet sind, die uns sympathisch sind, von denen wir es nie gedacht hätten. Es gibt den Ausspruch: Alle Frauen kennen Opfer, keine Männer kennen Täter. Letzteres liegt daran, dass sexualisierte Gewalt in einem gesellschaftlichen Widerspruch existiert: zum einen zutiefst verachtet und geächtet, seit Jahrhunderten geframed als „ein Schicksal schlimmer als der Tod“, zum anderen vollkommen normalisiert und verharmlost. Wenn keine „Psychopath*innen“, sondern als ganz „normal“ wahrgenommene Menschen Täter*innen sexueller Gewalt werden, tendieren wir dazu, Entschuldigungen für ihr Verhalten zu finden. Etwa: Es gibt immer zwei Seiten, Alkohol war im Spiel, es war ein Beziehungsstreit, Signale wurden fehlinterpretiert, sie behauptet das nur im Nachhinein – und so weiter, und so fort. Oft kommt es auch zum Phänomen der „Himpathy“, bei dem beispielsweise Täter in Schutz genommen werden, weil sie noch jung sind und man doch nicht ihr Leben mit solchen Anschuldigungen zerstören könne. Oder bei dem patriarchales Anspruchsdenken nicht als strafverschärfend, sondern als mildernd betrachtet wird.

In der Kürze dieses Artikels können wir für dieses komplexe Thema keine Allzwecklösung bieten – aber über sexualisierte Gewalt aufzuklären und sie zu verhindern, kann nicht allein Sache der Opfer oder der Bevölkerungsgruppe sein, die statistisch am häufigsten Opfer wird. Männer müssen realisieren, dass sexualisierte Bemerkungen und Witze, aggressives Balzgehabe, mangelnde Kommunikation beim Sex und vieles mehr der Boden ist, auf dem Rape Culture gedeiht. Wir alle müssen realisieren, dass sexualisierte Gewalt nicht nur ein männliches Thema ist – dass sie aber fast immer mindestens in Imitation männlich konnotierter Verhaltensweisen passiert. Das gilt auch für das Schreiben und Rezipieren phantastischer Geschichten sowie für den Umgang miteinander in der Phantastikszene, z. B. auf Conventions, in Schreibgruppen, Lesezirkeln.

Die schlechte Nachricht ist also, dass wir, um Vergewaltigungskultur abzuschaffen, neue, positivere, vielfältigere Bilder von Männlichkeit brauchen – und das ist viel Arbeit. 

Die gute Nachricht ist aber: Jede Romanszene und natürlich auch jede reale Situation, in der wir reflektieren und es besser machen, in der Konsens erfragt und gegeben wird, macht auch die Welt ein kleines Stück besser.

Lena Richter

Lena Richter ist Autorin, Lektorin und Übersetzerin mit Schwerpunkt Phantastik. Ihre Science-Fiction-Novelle „Dies ist mein letztes Lied“ erschien im Februar 2023 beim Verlag ohneohren. Außerdem veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Essays und Artikel. Lena ist eine der Herausgeber*innen des Phantastik-Zines Queer*Welten und spricht gemeinsam mit Judith Vogt einmal im Monat im Genderswapped Podcast über Rollenspiel und Medien aus queerfeministischer Perspektive. Ihr findet sie auf ihrer Website lenarichter.com , auf Instagram unter @catrinity_ und auf BlueSky und Mastodon unter @catrinity

Judith Vogt

Judith Vogt, aufgewachsen in einem Hundert-Seelen-Dorf in der Nordeifel und gelernte Buchhändlerin, steht seit 2010 als Schriftstellerin am anderen Ende der Buchnahrungskette. Sie lebt in Aachen und schreibt Romane, Rollenspiele, journalistische Artikel und Übersetzungen in ihrem Lieblingsgenre Phantastik und SF.

www.jcvogt.de

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